Eine eher zufällige Auswahl

 

Ich habe, nachträglich gesehen, während erstaunlich vieler Jahre meines Lebens mit dramatischen Texten herum gemacht, nur weil Dürrenmatt auf eine entsprechende Frage mal erklärt hat, ein Schriftsteller müsse halt alles ausprobieren, um zu einem Erfolg zu kommen. Ich habe dabei in der Tat viel Handwerkliches gelernt und wurde als Dialogist sogar geschätzt und mehrmals ausgezeichnet, aber so richtig glücklich bin ich dabei nie geworden, denn zuviele Köche verderben bekanntlich den Brei. Meine Bücher sind mir immer viel wichtiger gewesen und auch wichtiger geblieben, weil mir beim Schreiben meiner Bücher niemand hat dreinreden können.

 

Ach und Krach

1981, Theaterstück, Dialekt
 
Zwei Vereine, die sich spinnefeind sind, haben dummerweise ganz zufällig den gleichen Tag für ihren alljährlichen Vereinsausflug gewählt. Deshalb finden sie sich überraschend auf demselben Ausflugsdampfer wieder, wo sie sich bis zum Untergang desselben bekämpfen. Viel Klamauk und Komik, gemischt mit reichlich absurden Ideen, die indessen überhaupt nicht komisch sind.

Uraufführung mit dem Berner Seniorentheater, wunderbar komisch und poetisch inszeniert von Marco Morelli. Es gibt davon auch eine hochdeutsche und eine französische Version.

 

Grusinien

1985, Theaterstück, Dialekt


Drei junge Leute finden sich zuerst auf einem Doppelbett, dann in einer Badewanne und zuletzt auf einem kleinen Balkon ein, den sie umgehend zur unabhängigen Republik Grusinien erklären. Auch hier viel Komik, Skurrilität und Absurdität, die indessen alles andere als komisch sind: ein weiterer Diskurs in der Enge. Es geht um die typischste aller schweizerischen Schweizerfragen, um die grundsätzlichste Schweizerfrage überhaupt: Fördert oder behindert geografische Enge geistige Weitsicht? Wenn ja, wo? Und wie? Und wozu? Und wieviel kostet's?

Uraufführung im Zähringer Theater Bern, subtil inszeniert von Bernhard Jundt.

 

Füürland

1982, Vorlage zum Spielfilm, Dialekt


Max, der ansonsten zuverlässige Nachrichtensprecher mit der metallischen Stimme, treibt sich für einmal ruhelos im nächtlichen Bern herum, in den Gassen, in den überfüllten Beizen und an den einschlägigen Szenetreffs, statt wie immer zur einsamen Nachtarbeit ins verlassene Radiostudio zu gehen, um dort die aktuellen Nachrichten für das Weltall und das Nirwana auf Kurzwelle zu sprechen. In einer Kneipe trifft er auf eine interessante junge Frau, mit der er gleichennachts nach Feuerland auswandern und dort eine Spaghettifabrik gründen will. Es versteht sich von selbst, dass er niemals den Mumm dazu aufbrächte, ganz im Gegensatz zum Schauspieler Max Rüdlinger, der den Mumm sehr wohl aufgebracht hat.

 

Der Nachbar

1988, Drehbuch zum Spielfilm, Hochdeutsch


Eine harmlose Kriminalgeschichte mit einer jungen Frau, einem bösen Drogendealer, einem schüchternen Einwanderer und einem dicken Polizisten. Alles andere habe ich vergessen, außer den Sexszenen: Noch nie habe ich in einem Film derart verklemmte Erotik gesehen.

 

Kaiser

1986, Drehbuch zum Spielfilm, Hochdeutsch


Ein ansonsten sehr ordentlicher Geschäftsmann - in einer gigantischen Fehlbesetzung mit Emil Steinberger - verpasst in Lugano den Zug und steht mit leeren Händen auf dem Bahnsteig. Er lässt sich von einer sehr schönen Frau gerne helfen, die mit dem reichlich verstörten Geschäftsreisenden indessen ganz andere Absichten verfolgt: Sie will ihrem Vater, einem ehemaligen Boxchampion, auch zum 70. Geburtstag einen unfreiwilligen Sparringpartner verschaffen, wie jedes Jahr. Der Geschäftsmann wird also ordentlich vermöbelt, doch alles wird natürlich wieder gut.

 

Land Art

1974, Hörspiel, Dialekt


Eine Autofahrt über Land. Dabei entstehen unausweichlich die Erinnerungen, die mit diesem Stück Land verbunden sind. Ein radiophones Landschaftsbild, recht aufwendig inszeniert, was mich damals sehr verblüfft hat, weil es mein erstes Hörspiel war. Doch für alle war es ungewohnt und ungewöhlich und eine ausnehmend gute "Erfahrung".

 

Leo Lyr

1979-80, Hörspielserie, Dialekt


In 25 komödiantischen Episoden spielt Leo Lyr (nahezu perfekt dargestellt von Marco Morelli) den Trottel, der scheinbar nichts begreift und doch alles versteht und alle durchschaut. Sehr surrealistisch inspiriert. Die skurrilen Episoden sind je 2-3 Minuten lang und gemäss meiner Anordnung tatsächlich jeweils vor den Mittagsnachrichten anstelle eines Musikbeitrages gesendet worden. Ich war von diesem doch recht ungewöhnlichen und einschneidenden Entgegenkommen von Seiten der Programmdirektion sehr angenehm überrascht; zum ersten Mal hatte ich den Eindruck, dass meine schriftstellerische Arbeit beachtet und geschätzt wird. Dieser Eindruck sollte sich aber schnell wieder verflüchtigen.

 

Swingbruder

1983, Hörspiel in 2 Teilen, Dialekt


Dieselbe Geschichte wie in der Erzählung „Swingbruder“, in eine rasante Hörspielform übertragen. Mir gefiel vor allem das Derbe daran, der „Volkston“. Das Echo auf dieses sehr lange Hörspiel in zwei großen, fast abendfüllenden Teilen war indessen ziemlich bescheiden, für mich eher unverständlich, da meines Erachtens das Thema ganz aktuell war: Der Zweite Weltkrieg in seiner wahrhaft bizarren schweizer Variante.

 

Hang und Riss

1985, Hörspiel, Dialekt


Der Dialog in vier Teilen zwischen einem Mann und einer Frau in einer Kneipe. Die Frau will den Mann abschleppen; der Mann will nicht. Das Verhältnis der Geschlechter und seine Verheerungen, für einmal mit umgekehrten Vorzeichen und mit Schwergewicht auf der Sprachmusik selber. Vom Musiker Hans Koch meisterhaft vertont. Wird ganz allgemein als Hörspiel-Meisterwerk betrachtet und wurde mit beträchtlichem Aufwand als „Bestes Hörspiel des Jahres“ ausgezeichnet.

 

Melanie Messerli

1994-96, 6 Hörspiele, Dialekt


Eine Kriminalhörspielserie von mehreren Autoren, an die ich mich überhaupt nicht mehr erinnern kann. Radio DRS wollte Krimis und kriegte Krimis. Die Hauptperson war eine Kriminalkommissarin und hieß Melanie Messerli. Eine Auftragsarbeit.

 

Endlich Aktion

1997, Hörspiel, Dialekt


Ein interessantes Hörspiel aus aktuellem Anlass, nämlich zum Ersten Golfkrieg von Bush Senior. Eine "Durchschnittsfamilie" macht sich einfache Überlegungen am Küchentisch zur medialen Wirklichkeit, zur "sauberen" Kriegsführung, zur Ästhetik der modernen Waffen, zum aktuellen Krieg und zu seiner sorgsam gesteuerten und somit ganz offensichtlich und unverhüllt manipulierten Darstellung in den Medien. Ein Lehrstück über die Manipulation des öffentlichen Bewusstseins. Ein ungewöhnliches, wenn auch nur kurzes Hörspiel ist daraus geworden, und zwar ein Hörstück über das staatlich durchgegeplante und militärisch zügig durchgeführte Massenmorden von heute, über die versteckte und offene Ästhetik der Waffengewalt und über die Faszination von modernen Massentötungstechnologien und ihrer fadenscheinig ideologischen Verbrämung im Westen.

 

Nudeln

1988, Hörspiel, Dialekt


Ein ziemlich stupides Kollegium beim „Jahresabschlussessen“ mit all dem entlarvenden und schreienden Stumpf- und Schwachsinn, der hierzulande bei einem solch bemühenden Anlass im Verlaufe eines Abends am Tisch mit zunehmendem Alkoholkonsum jeweils zu hören ist. Ein sehr komisches, sehr lustiges, sehr gut gemachtes Kunst-Stück, womöglich mein bestes überhaupt, von Charles Benoit kongenial sog. „schmutzig“ inszeniert. Nicht wenige Leute in meiner näheren Umgebung fühlten sich danach persönlich beleidigt. Zu Recht. Das Hörspiel jedenfalls, auf das ich eindeutig am meisten stolz bin. Es hört sich sehr leicht und durchaus authentisch an, obwohl gerade diese verwickelten Dialoge voller unvollständiger Sätze, absurder Gedankenfolgen, verschlungener Widersprüche und verquerer Syntax technisch recht schwer herzustellen waren – das ist wohl das treffendste Fazit und das größte Kompliment zugleich, das ich mir selber machen kann. Mir war damals jedenfalls sofort klar: Nach "Nudeln" kann in diesem Bereich nichts Besseres mehr von meiner Seite kommen, und man sollte bekanntlich dann aufhören, wenn es am schönsten ist.

 

Staatsbesuch

1994, Hörspiel, Dialekt


An dieses merkwürdige Hörspiel, mein letztes, ein Hörstück über ein modernes Familienleben voller Arbeitslosigkeit und Geldmangel, das im Übrigen mit Absicht völlig übersehen worden ist, kann auch ich mich kaum noch erinnern. Das stündige Stück war wohl ziemlich unbequem; es wurde nie irgendwo erwähnt und nicht einmal wiederholt ausgestrahlt. So etwas kann schon mal passieren, obschon ich in diese Arbeit dieselbe Energie gesteckt habe wie in alle anderen Arbeiten auch, versteht sich, doch die Rezeption einer literarischen Arbeit lässt sich nun mal von Seiten des gemeinen Literaten nicht anfordern, auch nicht steuern, noch beeinflussen - von anderer Seite sehr wohl.